Ursprung und historische Grundlagen des Begriffs „Deafhood“

Der Begriff Deafhood wurde von Paddy Ladd in seinem Buch Understanding Deaf Culture: In Search of Deafhood geprägt. Deafhood bezeichnet den Vorgang, mit dem sich ein Gebärdensprachler in der Welt verortet. Das heisst: Wie kommt man in einer Mehrheitsgesellschaft klar? Was ist Taubheit für mich? Welchen Gruppen fühle ich mich zugehörig? Wie hat die Taubheit mein Leben beeinflusst? Wie beeinflusst sie das Leben Anderer um mich herum?

Deafhood ist also ein sowohl für Einzelpersonen als auch für Gruppen relevanter Prozess, ebenso bezieht er sich nur auf einen selbst, auf die Gruppe selber, oder auch auf Außenstehende oder andere Gruppen, insbesondere die hörende Mehrheitsgesellschaft. Überall, wo es Berührungspunkte zwischen dem einzelnen Angehörigen der Minderheit und der hörenden Mehrheitsgesellschaft gibt, spielt Deafhood eine Rolle.

Vor der schrittweise stattfindenden Anerkennung der Gebärdensprache im letzten Jahrhundert war es vor allem so, dass Gebärdensprachler die von der hörenden Mehrheit formulierten Vorurteile über diese übernahmen. So waren in diesem oralistisch-medizinischen Weltbild Menschen aus dieser Gemeinschaft geistig minderbemittelt, weil sie keine Lautsprache beherrschten und somit auch keine abstrakten Gedankengänge wiedergeben konnten. Die Schlussfolgerung vieler Hörender und auch Mitglieder unserer Gemeinschaft war damals: Wer keine abstrakten Gedanken ausdrücken kann, ist auch nicht dazu in der Lage, abstrakt zu denken. Das führte dazu, dass wir oft gar nicht erst versuchten, uns weiterzubilden oder für unsere Rechte zu kämpfen – erst mit der linguistischen Anerkennung der Gebärdensprache durch William Stokoe 1960 begann sich nach und nach die Ansicht durchzusetzen, dass Gebärdensprache auch eine vollwertige Sprache ist. Trotzdem kam es in vielen Ländern erst spät zu einer vollwertigen Anerkennung der Gebärdensprache, in Deutschland erst 2002. Das bedeutet nicht automatisch die vollständige Gleichberechtigung der Gebärdensprachgemeinschaft mit Hörenden, denn noch immer gibt es keine flächendeckende Untertitelung oder unbürokratische und vollständige Dolmetscherkostenübernahmen. Dafür und vieles anderes gilt es von Seiten unserer Gemeinschaft weiter zu kämpfen – auch das ist Teil des Prozesses, der mit Deafhood gemeint ist. Unter anderem auch die Änderung des Begriffes „taubstumm“ zu gehörlos oder taub, da es genauso beleidigend wirkt, wie „Nigger“ auf einen Schwarzen.

Text: Broschüre von GVB zur Deafweek 2010

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